Advent

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Wie wir – Mitglieder der Babyboomer-Generation und Ex-hennagefärbte, friedensbewegte Anti-Atomkraft-Alternative - in unserer Kindheit die Adventszeit erlebt haben:

(1) Zu Hause wurde ein Adventskalender aus Papier aufgehängt. Öffnete man ein Türchen, kam ein schönes Bild zum Vorschein – ein Häschen im Schnee, ein Rehlein, ein Tannenzweiglein mit Kerze und so fort, bis dann am Heiligabend das grösste Türchen mit der Nummer 24 geöffnet wurde. Hinter diesem verbargen sich Josef und Maria mit dem Jesuskind in der Krippe, und Weihnachten war gekommen. War Weihnachten vorbei, wurden die Türchen des Kalenders geschlossen und der Kalender wurde sorgfältig verpackt und bis zum nächsten Jahr weggeräumt. Ein neuer Kalender wurde erst dann gekauft, wenn sich die Türchen, vom vielen Öffnen und Schliessen ausgeleiert, nicht mehr zumachen liessen und der Überraschungseffekt somit dahin war.

Kinder aus fortschrittlicheren oder finanziell besser gestellten Familien bekamen Adventskalender mit Schokoladenfigürchen. Niemand kam damals auf die Idee, sich über die mindere Qualität der Schokolade zu mockieren oder gar zu echauffieren. Der Adventskalender hatte jedoch den Nachteil, dass er sich nur einmal verwenden liess und danach samt Plastikeinsätzen für die Schokofigürchen entsorgt werden musste. Das Wort "Plastikmüll" war damals noch kein Begriff.

Natürlich fingen die Kinder, die keinen Schoko-Kalender bekamen, zu jammern an und beklagten sich über den langweiligen Adventskalender aus Papier. Manche Eltern blieben jedoch standhaft und entdeckten dafür ihre Kreativität. Sie spannten eine Schnur quer über die Tür zum Kinderzimmer. Daran befestigten sie kleine Päckchen, die kleine Geschenke enthielten. Zum Beispiel ein Gummipüppchen, ein Holzpferdchen oder eine Glasmurmel. Die Kinder standen freiwillig früh auf und stritten sich darum, wer das Päckchen abschneiden und öffnen durfte.

 

(2) Zu Hause wurden Weihnachtskekse gebacken. Bereits Mitte November nutzte Mutter die Sonderangebote der Supermärkte und legte einen Vorrat an Margarine, Zucker, gemahlenen Mandeln und Haselnüssen an. Die Supermärkte befanden sich damals im Stadtzentrum und in Gehdistanz zur Bushaltestelle (das war praktisch, denn die Familie besass nur ein Auto, und mit dem fuhr der Vater zur Arbeit), und sind heute allesamt verschwunden. An ihrer Stelle befindet sich heute ein Augenlaserzentrum, eine Versicherungsagentur oder ein Nagelstudio.

Wenn die Kinder nachmittags aus der Schule kamen, duftete es schon auf der Strasse nach frisch gebackenen Keksen. Die Kinder durften dann noch beim Verzieren mithelfen und die Kekse mit Eigelb bestreichen und mit Schokoperlen bestücken.

Nach dem Auskühlen wurden die Kekse in grosse Blechdosen gelegt und in den Keller geschafft. Dort sollten sie ruhen, um bei der sonntäglichen Kaffeetafel im Advent mit Andacht und Genuss verzehrt zu werden. Doch Ehemann und Kinder hielten sich nicht daran und stiegen mehrmals am Tag heimlich und leise die Kellertreppe hinunter, um sich ein Extra-Dessert zu genehmigen. Und jedes Jahr waren die mit Creme oder Konfi gefüllten Schokoplätzchen zuerst aufgegessen, während die einfachen, schmucklosen Kekse Anfang Februar zerhackt und für die Vögel ausgestreut wurden.

 

(3) Zu Hause wurde ein Adventskranz aufgestellt. Er war aus echten Tannenzweigen gemacht. Wenn ein Elternteil Zeit und geschickte Hände hatte, war der Kranz sogar selbst gemacht. Ansonsten wurde er auf dem Markt gekauft. Der Kranz war mit echten Wachskerzen bestückt und mit Satinbändern und mit Goldfarbe bemalten Tannenzapfen (die beim sonntäglichen Familienspaziergang im Wald aufgesammelt wurden) dekoriert.

Am Abend sass die Familie um den Adventskranz herum beisammen und sang die bekannten alten Adventslieder, wie zum Beispiel "Vom Himmel hoch, da komm ich her" oder "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit". Die Kinder spielten dazu Blockflöte und Geige.

 

 

(4) Zu Hause und in der Schule wurde Christbaumschmuck gebastelt. Die Mutter besorgte Stroh, Goldfolie, buntes Transparentpapier und schwarzen Karton. Die Klassenlehrerin zeigte den Kindern, wie man schöne Sterne daraus bastelt und verteilte ein paar schöne Exemplare davon zur Ansicht. Die Kinder gaben sich grösste Mühe – mit konzentriertem Blick falteten sie das kostbare Material und schnitten es zu, und klebten die Einzelteile zusammen. Ihre Sterne waren klägliche Nachbildungen des Musters – mit schiefen, ungleich langen Zacken, über und über mit Klebspuren bedeckt. Die schönsten davon wurden stolz an den Fenstern des Klassenzimmers aufgehängt, und die anderen nahmen sie mit nach Hause, wo sie die Mutter entzückt in Empfang nahm.

 

 

Und wie wir heute die Adventszeit erleben:

 

(1) Anfang November werden in den Einkaufszentren die ersten Weihnachtsbäume aufgestellt. Die Botschaft "Frohe Weihnachten" prangt – von der Autobahnausfahrt gut sichtbar – in anheimelnder goldfarbener Schrift über dem Eingang und weist allen den Weg wie dazumal der Stern über dem Stall von Bethlehem.

 

(2) An den einschlägigen Verkehrsknoten und in Bahnhofsunterführungen hängen Plakate, die darauf hinweisen, dass am 15. /16. November der erste Weihnachtsmarkt mit Werken lokaler Handwerkskunst stattfindet.

 

(3) Restaurants preisen ab Mitte November ihr Sylvestermenü an.

 

(4) Da die jährliche Franchise bei der Krankenversicherung noch nicht voll ausgeschöpft ist, lädt uns der Hausarzt zu einem Rundumcheck ein.

 

(5) Die Autowerkstatt unseres Vertrauens schickt uns Prospekte von heizbaren Schneeketten und anderem nützlichen Winterzubehör.  

 

(6) Der Online-Shop feiert ein Shopping Event nach dem anderen und erschlägt uns mit Rabatten und Special-Xmas-Angeboten.

 

(7) Zu Hause werden die LED-Kerzen aufgestellt und mit frischen Batterien bestückt.

 

(8) Die Familie sitzt abends in der Sofaecke zusammen. Aus dem Bluetooth-Lautsprecher auf dem Tisch tönt "Stille Nacht", gesungen von einer Computerstimme mit chinesischem Akzent. Besinnlich flackern die LED-Kerzen am künstlichen Adventskranz, dessen Farbe automatisch zwischen Eisblau und Grell-Pink wechselt. Die Mutter hält ihr Laptop auf dem Schoss und zeigt dem jüngeren Kind die Auswahl an Spielsachen im Online-Shop. Der Vater sitzt auf dem anderen Sofa, sein Tablet in der Hand. Den Arm hat er um seine Tochter – das ältere Kind – gelegt, und gemeinsam schauen sie sich die Neuheiten aus der glitzernden Barbie-Welt an. Das jüngste Kind sitzt auf dem flauschigen Teppich und spielt, glücklich jauchzend, mit dem batteriebetriebenen Plüschhund, der "Merry Christmas" singt und dabei mit dem Kopf wackelt.

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