Vielleicht wird es ein Buch...

Anissa Filali

Das sollte mal ein Buch werden. Vielleicht wird es sogar eines Tages... ein Buch, ein E-Book, ein Ganzes.

1

Anna Maler schaute aus dem Fenster, direkt auf ein altes Blechdach mit kleiner Dachluke. Der leichte Winterregen tröpfelte die alten verrosteten Ziegel entlang, fiel dann sachte in die Regenrinne, die sicherlich ruhig vor sich hin gluckerte, hätte sie es aus der Entfernung denn hören können. Ein paar marode Blumentöpfe standen vor den Fenstern des vorletzten Stockwerks, das Anna erst sah, wenn sie sich aus ihrem unbequemen Bürostuhl hievte. Meist saß sie völlig verrenkt auf ihrem blauen Drehstuhl und versuchte so unauffällig wie möglich sehr beschäftigt auszusehen.

Dieser Job war sicher die Chance ihres Lebens, hatte man ihr immer wieder zugeraunt. Das „man“ bestand hauptsächlich aus einer inneren Stimme deren Zurechnungsfähigkeit Anna oft in Frage stellte und der Stimme ihres Vaters, der zu fast allem eine Meinung hatte, die obendrein auch noch immer die richtige war.

Während der Regen nachließ, öffnete Anna eine Powerpoint-Präsentation, die für gestern fertig werden sollte. Es ging um Kennzahlen, Prozentsätze und andere hochimportante Werte, deren Zusammenstellung von nun an ihre Aufgabe war. Jeden Monat sollte sie eine hübsche Bilanz erstellen, die dann per Email an Personen geschickt werden sollten, die sie dann sorgfältig in einem Dossier abspeicherten, das irgendwann im virtuellen Mülleimer eines alten Dell-PCs landen würde. Vielleicht würde man ihr aber ein Feedback geben, sie bitten etwas genauer zu analysieren, warum denn nun die Kommode Pompom  so schlechte Verkaufszahlen aufwiesen. Anna würde dann entweder in Excel-Tabellen oder ihrer Fantasie nach halbwegs plausiblen Erklärungen suchen. Mithilfe der Schriftvergrößung, Bebilderung und anderen weiteren Hilfsmitteln, würde sie die Lage zur Pom Pom Kommode aus der Girly-Kollektion erfassen und erklären. Eine kurze Email würde ihr dann das OK geben, um die Bilanz an einen leitenden Angestellten zu schicken. Danach würde erst einmal Stille herrschen, die Herren da oben sind schließlich vielbeschäftigt. Ein OK war oft schon mehr als nur eine Bestätigung sondern geradezu eine Huldigung an die geleistete Arbeit.

Im Gebäude gegenüber bewegte sich eine Gardine, Anna  kämpfte gegen die alltägliche Müdigkeit an und versuchte noch immer sich auf ihre Power Point-Präsentation zu konzentrieren. Dass man sicher so manch Wunder dank der vielen angebotenen Layout-Optionen bewirken konnte, stellte Anna nicht infrage. Es waren eher ihre eigenen mentalen Optionen, die an diesem Dienstag leicht eingeschränkt waren. Da hatten auch neun Stunden Schlaf nichts bewirkt. Nach zehn Minuten gab sie es auf die Excel-Tabelle zu zentrieren. Wie bei einer schiefen Bowlingbahn hatte die Tabelle einen leichten Linksdrall gegen den es sich anzukämpfen wohl kaum lohnte. Vor manchen Dinge hatte sogar Anna Maler Respekt: zu dieser Liste gehörten Excel-Tabellen, Graphiken, alle Zahlen jeglicher Herkunft und die Haufen, die ihr dicker Kater manchmal vor der Haustür deponierte. Es gab Dinge, die konnten auch eine Anna Maler sprachlos lassen. 

An ihrem ersten Tag in der E-Commerce-Abteilung eines großen französischen Möbellabels, zitterten Annas Knie vor Ehrfurcht. Nun zitterten sie zwar immer noch, wenn eine Aufgabe bevorstand, deren Verwirklichung sie sich nicht zutraute, doch zusätzlich zitterte auch ihr Kinn während sie versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Denn eines sind Möbel sicher nicht: lebendig. Worte waren lebendig, Menschen auch (vielleicht manchmal etwas zu viel), Landschaften, und vieles mehr. Aber Möbel waren eben Möbel: tote Materie, die dazu diente Wohnungen und Häuser zu verschönern (oder auch nicht, siehe Pom Pom Kommode aus der Girly-Reihe).

Eigentlich hatte Anna Maler ein Meeting (wie das klang!) mit der Community Managerin der Abteilung. Doch so richtig konnte sich Anna nicht aus ihrem instabilen Stuhl denken, also spielte sie beschäftigt und schaute aus dem Fenster. Der Himmel über Paris war grau, genauso wie man es nie auf den Postkarten sah. Leider beherrschte Anna erst recht kein Photoshop-Programm und so musste der Himmel fürs Erste in jener tristen Farbe, die den Dachziegeln glich, bleiben. Abwesend drehte Anna an einer Locke, die von ihrem verwuschelten Haarschopf abstand. In der perfekten Stadt der Liebe gab es eben nicht nur Reklamemodels. Auch ungekämmte deutsche Nordlichter hatte es in diese eben nur auf Postkarten perfekte Weltmetropole gebracht. Bei diesem Gedanken musste Anna schmunzeln. Das Reimbuch mit den kleinen niedlichen Pinguinen fiel ihr ein: „Am Südpol denkt man ist es heiß, ganz falsch gedacht nur Schnee und Eis.“ Ihre Version hätte dann folgendermaßen geklungen: In Paris sind die Menschen alle wunderschön. Ganz falsch gedacht, nicht jeder hat hier einen Fön. Und auch der Himmel ist nicht eklatant blau, nein, nein auch hier ist's stets triste und dunkelgrau.

Als Anna auf die Uhr ihres PCs blickte waren kaum drei Minuten vergangen. Irgendwie hoffte sie auf eine E-Mail, um sich etwas zu beschäftigen, doch anderseits wollte sie jetzt nicht unbedingt ein unauffindbares Foto suchen, dass es sowieso nur in einem unbekannten Format gab, welches sogar die Techniker ihrer Abteilung nur kopfschüttelnd als „nutzlos“ bezeichnet würden. In den letzten Tagen hatte sie geschlagene vier Stunden damit verbracht nach fünf verflixten Bildern zu suchen, die nirgends zu finden waren. Bei einem Monatslohn von 2300€ brutto für ungefähr 40 Arbeitsstunden die Woche ergab das… Anna gab nach kurzem Grübeln auf. Nein, Zahlen waren einfach nicht ihre Sache. Jetzt wo sie das Nägelkauen an den Nagel gehängt hatte (sie liebte schlechte Wortspiele), lutschte sie gedankenverloren an der linken Daumenspitze und wirkte dabei sicherlich hochintelligent.  Auf Spotify hatte sie auf ihre Die Prinzen Playlist geschaltet. Ihrem Musikgeschmack zu entnehmen, war sie gefühlte fünfzig, aber davon ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Während Die Prinzen sangen: Du wirst irgendwann ganz oben sein, trudelte endlich eine Mail ein. Oder auch nicht. Google Alert informierte sie darüber, dass irgendein Mensch ihr Label auf dem hellblauen Vogel-Netzwerk nun mitfolgte. Eine weitere Email informierte sie über das Mensa-Menü des Hauptsitzes in Nantes. Ihr würden morgen Spiegeleier mit Spinat und Froschschenkeln entgehen. Anna brauchte erst einmal eine Tee-Pause, um sich von dieser Tragödie zu erholen. Während sie der Gedanke an glibberige Fleischschenkel vor Ekel schüttelte, warf sie einen Earl Grey Teebeutel in einen der weniger schmutzigen Becher. Das Wasser hatte bereits ein Kollege zum Kochen gebracht und daher wurde ihre Pause um wertvolle Sekunden gekürzt. Den Beutel ließ sie kaum einziehen, weil er sonst zu bitter schmeckte. Zwar liebte Anna jegliche Form von Tee, konnte mit der englischen Billigmarke ihres gallischen Kollegen nur wenig anfangen. Lachend hatte er ihr anvertraut, dass seine Freundin dasselbe tat und er sich deshalb immer gezwungen fühlte den kaum benutzten Teebeutel zu seinem eigenen hinzuzufügen. Da wäre Anna noch ein Shot Wodka schmackhafter vorgekommen. Kalk schwamm an der Oberfläche des Getränks. In Frankreich hatten sich Wasserfilter nicht durchgesetzt und so musste man sich an diesen komischen Film gewöhnen oder auf Cola umschalten.

Als sie mit dem heißen Becher zurück zu ihrem Schreibtisch kam, sah sie am Bildschirm eine Chat-Nachricht von Pierre aufblinken. Miau stand da in fetten Lettern. Sie lachte innerlich und dachte an ihren großen Kerl, der wortwörtlich  in ihren vier Wänden zum handzahmen Kätzchen wurde. „Wenn meine Eltern das wüssten, sagte er manchmal kopfschüttelnd und gab eine Miau-Zugabe, die Anna lauthals kichern ließ und wahrlich beglückte. Inzwischen lief auf Spotify „Uns sind die Sterne egal“. Konnte man das auch „Uns sind Excel-Tabellen egal“ nenn? Die Zahlen tanzten Tango in ihrem Kopf, da würde auch dem standhaftesten Menschen übel werden. Ihre Kollegin wollte obendrein lieber arbeiten als quatschen, also musste Anna wohl zurück zur Arbeit für die man sie ja jeden Monat bezahlen würde. Eigentlich hatte sie das Gehalt verhandeln wollen, aber es war so viel höher als ihr vorheriges, also hatte sie etwas getan, was sie sonst nie tun würde: Sie hielt den Mund.

Gegenüber ging ein Licht an. Es wurde dunkel in Paris.

2

Ihr Büro lag in einem touristischen Viertel der französischen Hauptstadt. So war zu jeder Tages und Nachtzeit die Untergrundbahn überfüllt. Touristen, Geschäftsleute, Bettler und Straßenmusikanten standen zusammengepfercht in einem stickigen und schlechtriechenden Abteil. Der Geruch von Schweiß, Stress und billigem Parfum vermischte sich zu einem eher widerwärtigen Sinnesexperiment, das sich Anna liebend gern erspart hätte. Von einer gemütlichen Lektüre in einem Pariser Metroabteil war hier nicht die Rede, Annas Buch blieb vorerst in ihrer Handtasche. Vielleicht würde sie in ein paar Haltstellen doch noch ein oder zwei Absätze lesen können. Bereits früh morgens tobte hier das Leben, was einem schnell auf den Magen schlagen konnte. Zuviel Tumult zu früher Stunde missfiel der jungen Frau, die lieber mit einer Tasse Tee im Bett geblieben wäre. Doch jeden Morgen verließ sie brav Punkt neun ihre kleine Wohnung in einem abgelegenen Viertel etwas außerhalb, um sich in den Schlund der gierigen Großstadt zu werfen.

Im Büro war die Stimmung etwas angespannt: Zum ersten Mal fand auf der Internetseite ein Winterschlussverkauf statt. Während ihre Kollegen eifrig auf ihren jeweiligen Tastaturen unverständliche Zahlen eintippten und Briefings verfassten, analysierte Anna die verschiedenen Grauschattierungen des Himmels. Im Gebäude gegenüber war alles dunkel. Entweder waren die Bewohner bereits bar der Arbeit oder es handelte sich hauptsächlich um Rentnerehepaare, die es nicht für nötig hielten die Fenster auf einen immer grauen Himmel zu öffnen. Die verfaulten Pflanzen ließen noch ein wenig mehr als am Vortag die tristen Sträucher hängen.

In Annas Email-Account herrschte gähnende Leere, ab und zu trudelte eine Werbenachricht ein, die sie im Schneckentempo in den Papierkorb warf, um etwas Zeit zu schinden. Dass ihr Chef sie nach drei Wochen endlich bemerkte und vorschlug ihr ein wenig die Firma vorzustellen, kam ihr dann doch sehr gelegen. Etwas Abwechslung konnte wirklich nicht schaden. In der Zwischenzeit gab es eine kurze Internetpanne, ein Zeichen für Anna aufzustehen und sich einen Tee vorzubereiten.

Die Mittagspause war willkommener Ruhemoment. Techniker, Informatiker und Marketing Projektleiter trafen sich alle in der kleinen Küche wieder und aßen Tiefkühlkost, Döner oder nicht identifizierbarer Sandwiches mit neongelber Sauce. Doch auch hier fühlte sich Anna nicht immer an ihrem Platz. Sie wusste zwar die Jungs aus der Technik auf die Schippe zu nehmen, die es ganz angenehm fanden mit der hübschen Neuen zusammenzusitzen. Aber stets war da eine Stimme in ihrem Hinterkopf, die sie stets daran erinnerte, dass sie hier nichts zu suchen hatte und ihr Platz irgendwo war, überall nur nicht hier. Zurück an ihrem PC, ploppte das Chat-Fenster auf. Es war Ben, der sich vergewissern wollte, ob ihr Tag gut verlief. Sie schrieb kurz zurück, viel gab es ja nicht zu berichten. Bis jetzt drei Emails, ein paar Bildanfragen, mehr nicht. Sie seufzte und sehnte sich nachhause in ihre mit Kerzen übersäte Wohnung mit Blick auf eine lange, triste Straße.

Als Anna kleiner war und Erwachsene in ihren Augen noch alle Antworten und Lösungen parat hatten, flüchtete sie sich oft in eine Traumwelt, deren Zugang nur ihr bekannt war. Sie legte sich auf ihr Bett und betrat diese verwunschene Welt in der sie soweit gehen konnte wie es ihre Fantasie ihr erlaubte. Sie starrte auf die weiß Decke ihres mit Büchern vollgestopften  Kinderzimmers und verschwand. Es konnte Stunden dauern bis sich endlich dazu aufraffen konnte zurückzukommen. Es war ein Trip ohne Drogen, der jederzeit abrufbar war. Manchmal hörte sie auch Musik, mit dem Walkman in der Hand kuschelte sie sich in einer weichen Decke und tauchte ab, ließ sich vom Sog ihrer Träume anziehen, bis die Realität verschwamm und sich ein neues Zeitfenster öffnete.

3

Montag. Seit langem schien endlich wieder die Sonne. Der Januar-Himmel strahlte blass-milchig. In der Nacht waren die Temperaturen unter den Gefrierpunkt gesunken, genau zu dem Zeitpunkt als in ihrem Viertel wortwörtlich die Lichter erloschen. Eine Stadt liegt im Dunkeln hatte eines der großen Wochenblätter seine gestrige Ausgabe betitelt. Und so war es dann auch: Anna hatte 48 Stunden im Dunkeln verbracht und innerhalb kürzester Zeit ihren Kerzenhaushalt aufgebraucht. Das erste Mal hatten sie und Ben das Zähneputzen im schummerigen Kerzenlicht noch lustig gefunden, doch dann war ihnen die Lust an improvisierten Lichtstellen schnell vergangen. Ihre Handys hatten am Sonntag den Geist aufgegeben und ihr Laptop ohne Internetzugang kam ihnen sinnlos und leer vor. Der Reiz jenes postapokalyptischen Wohnens verlor innerhalb kürzester Zeit seinen Charme und so lungerten sie mittags im Mac Donalds und nachtmittags im überfüllten Einkaufszentrum herum. Zuhause war es unmenschlich kalt gewesen: kein Warmwasser und das Essen in Plastiktüten draußen am Fenstersims angebunden. Anna konnte sich ein schöneres Wochenende vorstellen.

Im Büro drehte Anna die Heizung voll auf, um ihren verfrorenen Körper etwas abtauen zu lassen. Im Gebäude gegenüber waren die Gardinen aller Etagen zugezogen, so als sei die Menschheit plötzlich ausgestorben. Anna dachte dabei an einen Film, den sie als Jugendliche gesehen hatte. Es ging um die Judendeportation. Etliche Familien hatten ihre Häuser verlassen müssen und so standen komplette Hausreihen leer. Dass es zu neuem Leben in jenen Wänden kam, dafür sorgten die deutschen Soldaten, die sich in Prachtwohnungen niederließen, alles Familienporzellan zerbrachen und mit schmutzigen Lederstiefeln die schönen Teppiche zerstörten. Ein unbeschreibliches Unbehagen überkam Anna, die ihren Blick nur mit Mühe abwenden konnte. Ihr innerliches Auge jedoch durchbohrte die dicken Mauern des mysteriösen Hauses. Sie nahm sich vor in der Mittagspause dem Haus einen kleinen Besuch abzustatten.

Um nicht vollkommen zu versackten, scrawllte sich Anna durch Online-shops und stellte sich ihre Traumwohnung vor: Ben, der Kater und sie in den eigenen vier Wänden. Für ihr Alter klang das vielleicht etwas spießig, aber meist waren die Verurteiler wie Anna sie nannte oft unglücklich und sahen in ihrer Beziehung eher das, was sie sich selbst am meisten wünschten. Anna, die stundenlang in Möbelkatalogen blättern und den halben Tag in einer Einrichtungsboutique stöbern konnte, träumte von skandinavischen Vintage-Tapeten und von umweltfreundlichen Duschköpfen mit Tropenregen-Funktion. Der Vormittag zerbröselte wie altes Brot, das selbst die Enten nur widerwillig zu sich nehmen würden.

In der Mittagspause besorgte Anna einen neues Katzenklo für Buddenbrook, ihren imposanten Kater, der strikt auf Diät war, aber trotzdem mehr zu- als abnahm. Sie vergaß vollkommen ihre Pläne und so blieb das Haus eben das unbekannte Haus. 

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